Unter der Überschrift „Von der Analyse zum Handeln“ habe ich im Januar dafür plädiert, die zahlreichen vorliegenden Erkenntnisse zur Schul- und Unterrichtsentwicklung konsequenter in konkrete Maßnahmen umzusetzen. Die Diagnose ist eindeutig: Wir wissen viel über wirksamen Unterricht, über die Bedeutung von Daten für die Schulentwicklung und über notwendige Veränderungen in der Leistungsbewertung.
Die Rückmeldungen auf diesen Beitrag haben eine zentrale Spannung sichtbar gemacht: das Verhältnis zwischen langfristiger Zielorientierung und kurzfristiger Handlungsfähigkeit. Langfristige Zielmarken – etwa mit Horizonten bis 2035 – können Orientierung geben. Problematisch werden sie jedoch, wenn sie notwendige Entscheidungen im Hier und Jetzt ersetzen.
Die Dynamik aktueller Entwicklungen – insbesondere durch Künstliche Intelligenz – macht deutlich, dass es nicht mehr ausreicht, Wirkung erst in weit entfernten Zieljahren zu überprüfen. Neben langfristigen Perspektiven braucht es verbindliches Handeln in kurzen Lernzyklen, klare Zuständigkeiten und eine konsequente Nutzung von Daten zur Nachsteuerung. Entscheidend sind überprüfbare Schritte in überschaubaren Zeiträumen.
Aktuelle Debattenformate, wie der Podcast zur „Schule der Zukunft“ und die begleitenden Experteneinschätzungen, wirken vor diesem Hintergrund fast irritierend vertraut. Sie benennen präzise bekannte Probleme: überladene Lehrpläne, eine auf Reproduktion ausgerichtete Prüfungskultur, fehlende Individualisierung und zu wenig Zusammenarbeit im Kollegium.
Die zentrale Frage lautet nämlich nicht mehr, ob sich die Schule verändern muss, sondern wie schnell wir bereit sind, bestehende Routinen zu hinterfragen.
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Weitere Stimmen aus drei Podcasts
Kai Maaz
Im Podcast beschreibt Kai Maaz, wie stark das deutsche Schulsystem noch mit Logiken der Vergangenheit arbeitet und aktuelle Anforderungen nur unzureichend abbildet. Er betont, dass Schule zwar weiterhin Basiskompetenzen wie Lesen, Schreiben, Rechnen und fachliches Wissen vermitteln muss, dieses Wissen aber nur dann relevant ist, wenn es in neuen Situationen angewendet werden kann. Prüfungen seien dafür bislang zu stark auf Reproduktion ausgerichtet; nötig sei eine deutliche stärkere Orientierung an Kompetenzen wie Problemlösen, Kreativität, kritischem Denken, Teamarbeit und einem reflektierten Umgang mit digitalen Medien und KI.
Zugleich kritisiert Maaz aktionistische Reformprojekte, die Symptome adressieren, aber strukturelle Ursachen unangetastet lassen – etwa soziale Selektivität, frühe Selektion und ein stark gegliedertes System, das heterogene Lernvoraussetzungen oft eher verstärkt als ausgleicht. Er plädiert für „entschlackte“ Lehrpläne, mehr Zeit für vertiefende Auseinandersetzung, Projektarbeit und Methodenvielfalt, in der Frontalunterricht nur ein Baustein ist. Zentrale Bedeutung misst er multiprofessionellen Teams bei: Lehrkräfte, Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, Lerntherapie und außerschulische Partner sollten systematisch zusammenarbeiten, statt parallel nebeneinander zu agieren. Daten aus PISA, Bildungsberichten und schulischen Erhebungen sollen dabei insbesondere der pädagogischen Diagnose und Schulentwicklung dienen – mit dem Ziel, aus Ergebnissen konkrete Fördermaßnahmen abzuleiten, anstatt Defizite nur zu registrieren.
Prof. Roberto Simanowski
Simanowski (Medienphilosoph) empfiehlt, Sprachmodelle in den Unterricht aktiv einzubinden, um Medienkompetenz und kritisches Denken zu stärken, anstatt sie aus dem Klassenzimmer zu verbannen. Er plädiert für eine integrative und kritische Auseinandersetzung mit KI-Tools im schulischen Bildungssystem. Er hält es für essenziell, dass die Nutzung von KI-Technologien nicht verboten wird, sondern aktiv im Unterricht behandelt wird. Ziel sei es, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, verantwortungsvoll und reflektiert mit KI-Tools umzugehen, um ihre eigenen kognitiven Fähigkeiten zu fördern und die Gefahr der Verflachung des Denkens zu vermeiden.
Er schlägt vor, die Technik in den Unterricht einzubauen, um Kompetenzen in der sogenannten Promptologie zu entwickeln, also die Kunst, präzise und bewusste Eingaben in die KI zu formulieren. (Er scheint Erfahrung mit TELLI zu haben). Zudem befürwortet er, dass Lehrkräfte den Einsatz von KI-Geräten kontrolliert und sinnvoll integrieren, etwa durch gemeinsame Übungen, bei denen die Schüler unterschiedliche Perspektiven durch gezieltes Prompten erkunden. Ziel ist es, das kritische Verständnis für KI-gestützte Textgenerierung zu fördern und die Schülerinnen und Schüler zu kritischen, mündigen Bürgerinnen und Bürgern zu erziehen, die die Technologie verstehen und reflektieren können.
Maja Göpel im Gespräch mit Hartwin Maas
Maas (Zukunftsforscher) fordert eine grundlegende Neuorientierung des Bildungssystems. Digitalisierung dürfe nicht isoliert gedacht werden, sondern müsse alle Akteure einbeziehen. Analoge Lernformen wie Handschrift oder handwerkliche Tätigkeiten gewinnen dabei als Ausgleich an Bedeutung. Gleichzeitig bleiben Fragen der Bildungsgerechtigkeit ungelöst, nicht zuletzt aufgrund föderaler Unterschiede und schwer vergleichbarer Leistungsbewertungen. Maas weist darauf hin, dass Bildungserfolg häufig bereits ab der vierten Klasse stark auseinandergeht. Längeres gemeinsames Lernen sowie alternative Schulformen wie Gesamtschulen könnten hier entgegenwirken, ohne leistungsstarke Schülerinnen und Schüler zu benachteiligen.
Auch die Rolle sozialer Medien wird kritisch beleuchtet. Sie fördern häufig Polarisierung und Konformität statt differenziertem Denken. Der Medienkonsum wird passiver, während kreatives und reflektiertes Handeln abnimmt. In der Arbeitswelt verstärkt sich dieser Trend: Geschwindigkeit wird oft höher bewertet als Tiefe des Verständnisses. Unterschiedliche Generationen bringen dabei sehr unterschiedliche „Trainingssets“ mit – etwa im analogen Problemlösen, was zu neuen Spannungen führt. Ein unreflektierter Umgang mit KI kann diese Problematik zusätzlich verschärfen.
Zusammengefasst fordern Maas und Göpel (Transformationsforscherin) ein umfassendes Update des Bildungssystems, das nicht nur Wissen vermittelt, sondern kritisches, adaptives und gemeinschaftliches Denken sowie digitale und praktische Kompetenzen integriert, um Menschen auf eine komplexe, digitale und gesellschaftlich vielfältige Zukunft vorzubereiten.
Kai Maaz
Analyse struktureller Probleme des Schulsystems und Betonung der Kompetenzorientierung; wichtige Grundlage für die Priorisierung von Inhalten und die Weiterentwicklung von Unterricht.
Prof. Simanowski
Fokus auf Sprachmodelle. Durch sie wird unser Umgang mit Sprache effizienter, aber auch weniger vielfältig, weil wir eher auf vorgefertigte, standardisierte Antworten zugreifen.
Maja Göpel – Hartwin Maas
Bildung entscheidet darüber, wer Zukunft gestalten kann. Doch es geht längst nicht mehr nur darum, Wissen zu vermitteln – sondern darum, Menschen handlungsfähig zu machen.
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